Dienstleistungsarbeit unter Druck

Wie sehen Beschäftigte der Pflege,

der Kindertagesbetreuung und der Jugendhilfe ihre Arbeitssituation?

Stichworte, Inhalte

Der Fall Krankenhauspflege. Rahmenbedingungen der Pflege im Krankenhaus. Ökonomisierung und Aktivierung in der Krankenpflege. Ökonomisierung und Aktivierung im Branchenvergleich. Die vorliegende Befragung zur Ökonomisierung und Aktivierung in der Krankenpflege ist eine empirische Erweiterung der Studie ''Dienstleistungsarbeit zwischen Ökonomisierung und Aktivierung. Neue Herausforderungen an Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik'', welche von der Hans-Böckler-Stiftung zwischen Dezember 2009 und Februar 2012 gefördert wurde. Diese Studie war als empirischer Vergleich der Dienstleistungsbereiche der stationären und ambulanten Altenpflege, des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Jugendämtern und der Einrichtungen der Kindertagesbetreuung angelegt. Damit wurden vier Dienstleistungsfelder einander gegenübergestellt, die zum einen die Versorgung alter und pflegebedürftiger Menschen zur Aufgabe haben, zum anderen für die Betreuung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen bzw. deren Eltern verantwortlich zeichnen (vgl. Hielscher et al 2013). Sowohl der Altenhilfe als auch der Betreuung von Kindern und Jugendlichen wird als ''Zukunftsbranchen'' eine wachsende quantitative wie auch eine qualitative gesellschaftspolitische Bedeutung zugeschrieben: Der Sektor der Altenhilfe und -pflege wächst aufgrund der demografischen Entwicklung und hat eine wichtige Funktion für den Erhalt der Lebensqualität einer immer größer werdenden Zahl von Menschen. Der Sektor der Kinder- und Jugendhilfe hingegen gilt als zentrales sozialpolitisches Feld, um Bildungs-, Arbeitsmarkt- und gesellschaftliche Partizipationschancen zu erhalten bzw. auszubauen. In Erweiterung der Studie wurde nun von April bis Juni 2012 eine quantitative Befragung von Pflegepersonal in Allgemeinkrankenhäusern durchgeführt. Die Erweiterung des Untersuchungsbereiches begründete sich aus verschiedenen Anlässen: Einerseits ist das Gesundheitssystem - speziell die Krankenhäuser - seit den 1990er Jahren ein Ort verstärkter Einsparungsbemühungen und fiskalpolitisch getriebener Strukturreformen. Effekte der Ökonomisierung auf die organisationale Steuerung und das individuelle Arbeitshandeln, wie sie im Vorgängerprojekt gezeigt werden konnten, waren also auch im Bereich der Krankenhauspflege zu erwarten. Andererseits ist Aktivierung auch in den Krankenhäusern präsent: Nicht nur als grundlegendes Pflegekonzept und Arbeitsanforderung für die Fachkräfte, sondern ebenso innerhalb der Dienstleistungsbeziehung zwischen den Patientinnen und Patienten und den Versicherungsträgern der Gesundheitsleistungen, in welcher der aktivierende Staat begonnen hat, die Moderation von Eigenverantwortung und Solidarität zu übernehmen (vgl. § 1 SGB V). Unter Berücksichtigung des branchenspezifischen Kontextes werden im vorliegenden Bericht die Ergebnisse zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, zu fachlichen und extern gestellten Ansprüchen und Arbeitsanforderungen, zur Gesamtarbeitssituation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhauspflege sowie zur Beziehung zwischen Ökonomisierung und Aktivierung dargestellt. Darüber hinaus ermöglicht der standardisierte Zugang einen direkten Branchenvergleich zwischen der Krankenhauspflege, der stationären und ambulanten Altenpflege, dem Allgemeinen Sozialen Dienstes in Jugendämtern und den Kindertagesbetreuungseinrichtungen. Der Darstellung und Diskussion der empirischen Befunde ist ein einleitendes Kapitel vorangestellt, in welchem die wichtigsten Rahmenbedingungen der Krankenhauspflege angerissen und anhand der sozialrechtlichen und gesellschaftspolitischen Hintergründe sowie der Beschäftigungsstruktur des Sektors dargestellt werden. Wir danken der Hans-Böckler-Stiftung, namentlich Frau Dr. Claudia Bogedan, für die Förderung und Begleitung dieser Zusatzerhebung, sowie allen beteiligten Akteuren im Feld, die als Multiplikatoren in der Fachöffentlichkeit auf die Befragung hingewiesen und für eine Teilnahme geworben haben. Ein besonderer Dank gilt allen unbekannten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Befragung, die uns einen Einblick in ihre Arbeitsrealität ermöglicht haben. Seit mehr als 20 Jahren werden in Deutschland Diskussionen darüber geführt, inwieweit die Angebotsseite des Gesundheitssystems - also die niedergelassenen Ärzte, die Apotheken, die Krankenhäuser und die Einrichtungen der Altenpflege - primär marktreguliert oder über gesundheitspolitische Maßnahmen gesteuert werden soll. Ausgangspunkt der Debatte ist zum einen das Bemühen um die bedarfsgerechte Versorgung einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung mit Gesundheitsgütern, zum anderen die Fragestellung nach der Finanzierbarkeit einer qualitativ hochwertigen Versorgungsstruktur. Als größter Kostenpunkt im medizinischen Bereich des Gesundheitssystems liegen die Ausgaben für Krankhäuser mit rund 74 Mrd. Euro im Jahr 2010 weit vor ambulanten Gesundheitsleistungen wie Arztpraxen (ca. 43 Mrd. Euro) oder Apotheken (ca. 41 Mrd. Euro) und sind mehr als doppelt so hoch wie die Ausgaben für ambulante (ca. 10 Mrd. Euro) und stationäre Altenpflege (ca. 22 Mrd. Euro) zusammen. Während die Gesundheitsausgaben in Deutschland im Jahr 1995 knapp 10% des Bruttoinlandsproduktes betrugen, so lagen sie 2010 bei fast 12%, wobei die Krankenhauskosten gemessen an den Gesamtausgaben ungefähr ein Viertel ausmachten (s. Tabelle 1). Von daher ist es nicht verwunderlich, dass vor allem die Krankenhäuser zu Arenen tiefgreifender Strukturreformen und zum Zielort von Einsparungsbemühungen wurden ...