Angesichts des anhaltenden Mangels an Arbeits- und Fachkräften in Deutschland gewinnt die Identifikation von Faktoren, die zur Bindung von Beschäftigten beitragen, zunehmend an Bedeutung. Unter Arbeitgeberattraktivität ist die Mitarbeiterbindungskraft einer Organisation zu verstehen, die im Kern durch eine positive Bewertung des Arbeitgebers durch potenzielle und bestehende Mitarbeitende entsteht. In der wissenschaftlichen Literatur zur Arbeitgeberattraktivität und zum Employer Branding werden üblicherweise drei Kategorien von Attraktivitätsfaktoren zur Beeinflussung dieser positiven Bewertung einer Organisation unterschieden: Transaktionale Merkmale, z.B. Gehalt, Zusatzleistungen, Arbeitsbedingungen sowie Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten, Relationale Merkmale, z.B. Unternehmenskultur, Führung und soziale Interaktion und Ideelle Merkmale, z.B. Nachhaltigkeitsstrategien oder soziale Initiativen. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und zum Arbeitsschutz der Belegschaft werden in diesem Kontext international bislang häufig nur implizit beforscht, insbesondere im Rahmen von Initiativen zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder durch sogenannte Wellness-Programme und individuelle Gesundheitsangebote. In der deutschsprachigen Literatur hingegen wird das Potenzial eines systematischen Vorgehens von Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) und Arbeitsschutz zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften bereits seit längerer Zeit diskutiert. Trotzdem existieren bislang nur wenige systematische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen BGF, Arbeitsschutz und Arbeitgeberattraktivität. BGF und Arbeitsschutz verfolgen einen strategischen, ganzheitlichen Ansatz zur Förderung und Erhaltung der Gesundheit, Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Produktivität der Beschäftigten und damit auch der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Die Umsetzung erfolgt durch die gezielte Planung, Organisation und Steuerung gesundheits- und sicherheitsbezogener Maßnahmen im Unternehmen. Sie zielen darauf ab, Strukturen und Prozesse für eine nachhaltige Gesundheitskultur im Unternehmen aufzubauen. Die positiven Effekte von Maßnahmen der BGF und des Arbeitsschutzes auf die Arbeitsbedingungen, die Gesundheit der Beschäftigten sowie deren Wohlbefinden sind durch zahlreiche Studien und Überblicksarbeiten gut belegt. Allerdings ist die wissenschaftliche Evidenz hinsichtlich des direkten Zusammenhangs von Maßnahmen der BGF und des Arbeitsschutzes und der Arbeitgeberattraktivität bislang begrenzt. Darüber hinaus wird in der Forschung von Folgendem ausgegangen: Nicht nur das Vorhandensein einzelner Maßnahmen ist entscheidend. Vielmehr müssen Maßnahmen systematisch in den Betrieb integriert sein, um eine nachhaltige Wirkung auf die Gesundheit der Beschäftigten und deren Einstellung zum Unternehmen entfalten zu können. Soll die Bindung von Beschäftigten durch Maßnahmen der BGF und des Arbeitsschutzes gestärkt werden, sollte die glaubwürdige Verankerung im Unternehmen und die Qualität der Umsetzung dieser Maßnahmen betrachtet werden. Die Qualität von Maßnahmen der BGF und des Arbeitsschutzes wird wesentlich durch zwei Faktoren bestimmt: Erstens durch ihre systematische Verankerung auf allen Ebenen des Unter nehmens, die durch eine Kombination aus verhaltens- und verhältnispräventiven Ansätzen gekennzeichnet ist. Und zweitens durch die Qualität der Implementierung beider Ansätze. Die Qualität der Implementierung wird unter anderem durch die Wahrnehmung der organisationalen Veränderungsbereitschaft in Bezug auf Maßnahmen der BGF und des Arbeitsschutzes bestimmt sowie durch die Gestaltung der Umsetzung, insbesondere durch Information, Einbindung und Unterstützung der Beschäftigten.