Gesundheitsnetzwerke (Leitfaden)

Wer soll dabei helfen, den Gesundheitsrisiken moderner Arbeit

und den betrieblichen Folgen des demographischen Wandels zu begegnen?

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Netzwerke zur betrieblichen Gesundheitspolitik und zum demographischen Wandel - Eine Übersicht. Altersstrukturanalysen vornehmen. Die Gefährdungsbeurteilung pragmatisch anlegen. Zukunftsgespräche mit älteren Mitarbeitern führen. Einen Gesundheits-Workshop durchführen. Im vorliegenden Leitfaden geht es um den Zusammenhang von Klein- und Mittelbetrieben, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Netzwerken. Er richtet sich an Inhaber von mittelständischen Unternehmen, an Führungskräfte in Kleinbetrieben und an Beschäftigte im Handwerk. Dabei ist die Frage nach der verbindenden Klammer dieser drei Begriffe bzw. Themen durchaus berechtigt. Beantwortet wird diese Frage häufig mit dem Hinweis, dass es um den Arbeits- und Gesundheitsschutz in Klein- und Mittelbetrieben nicht immer zum Besten steht, dass diese deshalb Unterstützung von außen brauchen und eine solche am besten von Netzwerken erbracht werden kann. Aber ist das wirklich noch so? Wird der Arbeits- und Gesundheitsschutz in KMU tatsächlich vernachlässigt? Neuere Erkenntnisse zeichnen ein anderes Bild. Danach stufen auch die kleineren Betriebe den Arbeits- und Gesundheitsschutz als wichtig ein und ergreifen im Rahmen ihrer Möglichkeiten entsprechende Maßnahmen für gute Arbeitsbedingungen. Auf der anderen Seite ist es auch eine Tatsache, dass gerade in KMU die Hilfe von außen oft als Kontrolle und Einmischung empfunden wird. Ebenso ist bekannt, dass Netzwerke bei KMU häufig einen zweifelhaften Ruf genießen und nicht in jedem Fall als seriös eingestuft werden. Vor diesem Hintergrund bedarf es deshalb weiterer Argumente, die den oben genannten Zusammenhang von KMU, Gesundheit und Netzwerken plausibel machen. Geliefert werden sie von der aus dem demographischen Wandel resultierenden, alternden Gesellschaft, die auch künftig den verschärften Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft gewachsen sein soll. Die gestiegenen Anforderungen spüren dabei auch die nicht weltmarktaktiven Unternehmen auf verschiedenen Ebenen der betrieblichen Wirklichkeit. Zu nennen sind z.B. die Ungeduld der Kunden, der gestiegene Kostendruck, die Eliminierung von Zeit- und Materialpuffern, die Verschärfung des Leistungsdrucks, die zunehmende Bürokratie (Stichwort: Zertifizierung), die Flut elektronischer Informationen, die wachsende technische Komplexität und die auftragsgesteuerte Produktion. Alle diese Entwicklungen haben das Wirtschaften komplizierter und das Arbeiten stressiger gemacht sowie nicht zuletzt die psychischen Belastungen bei der Arbeit ansteigen lassen. Diesem neuen Anforderungs- und Belastungsspektrum wird der traditionelle Arbeitsschutz, der sich mit der ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen, den körperlichen Gesundheitsrisiken, den Arbeitsumgebungseinflüssen und der Unfallverhütung befasst, nicht mehr in Gänze gerecht. Und genau hier, im Auseinanderdriften von traditioneller Arbeitsschutzpraxis und neuen Arbeitsbelastungen, beginnt die Überforderung der Unternehmen in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Diese Situation wird sich durch den weiteren Anstieg des Durchschnittsalters der Belegschaften noch verschärfen, schon in einigen Jahren werden die älteren Mitarbeiter (50plus) die stärkste Gruppe in den Betrieben stellen. Wer sich diese Situation vor Augen führt - steigende Anforderungen, die mit durchschnittlich älteren Belegschaften bewältigt werden müssen - der erkennt die Größe der Herausforderung, vor der alle Betriebe stehen. Dabei liegt die Betonung durchaus auf alle Betriebe, weil auch die großen Unternehmen und Konzerne kein Rezept für diese neuartige Anforderungs- und Belastungskonstellation haben. Insofern unterscheiden sich Groß- und Kleinbetriebe nicht - sie alle suchen die richtigen Antworten und Konzepte. Allerdings haben die großen Unternehmen ungleich bessere Startvoraussetzungen. Sie verfügen über eine professionelle Arbeitsschutzorganisation und eigens dafür abgestelltes Personal. Sie unterhalten ein Gesundheitsmanagement, nutzen Fördergelder, initiieren betriebliche Projekte und bewegen sich souverän in der überbetrieblichen Arbeitsschutz-Community. Der Gesundheitsschutz im Großbetrieb ist ein Expertensystem, das durch eine Gesundheitspolitik von unten, also durch Gesundheitszirkel, Belegschaftsbefragungen, Gesundheits-Arbeitskreise usw. ergänzt wird. Großbetriebe haben auf diese Weise Zugriff auf das aktuelle Präventions- und Gesundheitswissen, sie partizipieren am Erkenntnisfortschritt über die Zusammenhänge vom Wandel der Arbeit und dem Wandel der Gesundheitsrisiken. Die allermeisten Klein- und Mittelbetriebe sind von solchen Rahmenbedingungen weit entfernt. Die knappen Ressourcen, über die sie verfügen, werden im Alltagsgeschäft aufgebraucht, folglich bleibt wenig Raum für eine eigenständige betriebliche Gesundheitspolitik. Deshalb ist schon viel erreicht, wenn die KMU die gesetzlichen Auflagen im Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz erfüllen. Sie tun das übrigens in weit größerem Umfang, als das in der öffentlichen Diskussion den Anschein hat. Ihnen ist auch die betriebliche Gesundheitsförderung nicht fremd, es entspricht dem mittelständischen Ethos, die Mitarbeiter zu einer gesunden Lebensweise anzuhalten und sie dabei zu unterstützen. Allerdings sind diese Aktivitäten nicht das Ergebnis einer systematischen Arbeitsschutzstrategie und eines gezielten Gesundheitsmanagements, sondern sie sind pragmatisch in das unternehmerische Handeln integriert oder werden externen Dienstleistern (wie arbeitsmedizinischen Zentren) übertragen. Der Grundsatz Schutz von Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten ist den Unternehmern unmittelbar einsichtig, die Formen der Umsetzung hingegen - Expertensysteme, Verfahrensregeln, Formalismen - kollidieren häufig mit der wenig bürokratisierten Struktur von kleinen Unternehmen. Anders ausgedrückt: Sie praktizieren den Arbeits- und Gesundheitsschutz einfacher und intuitiver als die Großen. Dieses pragmatische Arbeitsschutzhandeln stößt jedoch dort an seine Grenzen, wo es um die weniger greifbaren Gefährdungen geht, die von der modernen Arbeitswelt ausgehen. Psychischen, mentalen und psychosozialen Belastungen, die durch Hektik, Komplexität und Zeitdruck verursacht werden, stehen viele Verantwortliche in kleineren Betrieben häufig hilflos gegenüber. Ebenso kommt man mit der Improvisationspraxis nicht sehr weit, wenn jenen Gesundheitsrisiken präventiv begegnet werden soll, die verstärkt mit älteren Belegschaften verbunden sind. Mit diesen Fragen werden die kleinen und mittleren Betriebe in der Regel allein gelassen, die vielen einschlägigen Institutionen wie Berufsgenossenschaften oder auch Krankenkassen sind hier häufig überfordert, nicht zuletzt weil sie personell unterbesetzt sind. Was also tun? Wer soll den KMU dabei helfen, den Gesundheitsrisiken moderner Arbeit und den betrieblichen Folgen des demographischen Wandels zu begegnen? Bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, so wie bei vielen anderen Betriebsproblemen auch, wo die Kleinen selber aktiv werden, statt die Aufgabe an Externe zu delegieren? Schließlich verfolgen KMU traditionell eine Insourcing-Philosophie, die sich auf vielen Feldern bewährt hat. Warum sollte das nicht auch auf dem Handlungsfeld Erhalt und Förderung der Humanressourcen funktionieren? Tatsache ist, dass es durchaus KMU gibt, die eine zeitgemäße, zukunftsfähige und demographiesensible betriebliche Gesundheitspolitik verfolgen. Aber dazu bedarf es Voraussetzungen, die in der Summe eher selten anzutreffen sind: Einen Unternehmer, der den Erhalt der Arbeitsfähigkeit seiner Beschäftigten als gleichwertiges Unternehmensziel neben anderen betrachtet, dem der Zusammenhang zwischen Produktivität und Gesundheit bewusst ist und der weiß, dass sich Arbeitsprozesse am besten optimieren lassen, wenn die Mitarbeiter ihre Vorstellungen von sachgerechter und gesundheitsfördernder Arbeit einbringen können. Solche Unternehmer sind erfahrungsgemäß eher die Ausnahme, was durchaus nachvollziehbar ist. Schließlich sind die Anforderungen des Betriebsalltags im Regelfall so groß, dass kaum Zeit bleibt für die Reflexion der gesundheitlichen Folgen des eigenen ökonomischen Handelns. Vor dem Hintergrund dieser Alltagshemmnisse ist Selbermachen für den angesprochenen Problembereich sicher nicht die beste und ausschließliche Lösung. Das einzelne kleine oder mittlere Unternehmen ist schnell überfordert, wenn es darum geht, Lösungen für die Gefährdungen moderner Arbeit und für den betrieblichen Umgang mit dem demographischen Wandel zu entwickeln und umzusetzen. Deshalb ist es besser, wenn sich mehrere Unternehmen zusammentun und diese Herausforderung gemeinsam annehmen und auch bewältigen. Möglich wird das durch Netzwerke zwischen Unternehmen sowie solchen, in die auch die Verantwortlichen des überbetrieblichen Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung eingebunden sind. Dort können sich die Unternehmen mit aktuellem Präventionswissen versorgen, dort können sie ihre Bedarfe anmelden, von dort kann Unterstützung für sie organisiert werden. Und last but not least: Dort können sie sich mit anderen Betrieben sowie mit den Vertretern des überbetrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes fachlich austauschen. Diese Art der Vernetzung nutzt beiden: Die Klein- und Mittelbetriebe können sich unbürokratisch Hilfe holen, während die überbetrieblich Handelnden Zugang zu einer bislang vernachlässigten Klientel erhalten, um dort unterstützend tätig zu werden. Klein- und Mittelbetriebe, die sich auf zwischen- und überbetriebliche Netzwerke einlassen, brauchen ein wenig Mut. Denn zwar sprechen viele gute Gründe dafür, an Netzwerken teilzunehmen, aber es gibt es auch viele gute Gründe, Netzwerken gegenüber reserviert zu sein. Der vorliegende Leitfaden versteht sich insofern als eine Art Bedienungsanleitung für KMU im Umgang mit Netzwerken sowie für den Aufbau von Netzwerken. Der Bericht hat dann seinen Zweck erreicht, wenn er bei seinen Leserinnen und Lesern ein kritisches Interesse an Netzwerken und deren Nutzen wecken kann und hilft, die mit alternden Belegschaften verbundenen Herausforderungen zu bewältigen. Der Text beginnt mit einer Erläuterung des Netzwerkbegriffs und der Charakteristika eines Netzwerks. (Kap. I) Es folgt eine Übersicht über bestehende Netzwerke zum betrieblichen Gesundheitsschutz und zum demographischen Wandel (Kap. II). Im dritten Kapitel werden dann die möglichen Aktivitäten und Arbeitsinhalte von Netzwerken beschrieben. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Frage, wie Unternehmen sich in bestehende Netzwerke einklinken können, welche Vorteile damit verbunden sein können, aber auch welche Risiken sie eingehen. Im fünften Kapitel schließlich wird beschrieben, wie Unternehmen Netzwerke knüpfen können, Gegenstand des letzten Kapitels ist die Vorstellung einiger KMU-angemessener Konzepte/Instrumente betrieblicher Gesundheitspolitik, die Gegenstand von Netzwerkaktivitäten sein können ...

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