Vaterschaft und Elternzeit (Expertise)

Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für eine gedeihliche Entwicklung

der Kinder und den Zusammenhalt in der Familie...

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Vaterschaft und Elternzeit Vater-Kind-Beziehung Elterliche Partnerschaft und kindliche Entwicklung Gegenstand der vorliegenden interdisziplinären Literaturstudie zur Bedeutung des Elterngeldes auf Bindung und Vater-Kind-Beziehung, die von Expertinnen und Experten aus den Disziplinen Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie, Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Pädagogik und Familiensoziologie erstellt wurde,1 ist die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für eine gedeihliche Entwicklung der Kinder sowie den Zusammenhalt in der Familie. Die Studie wird einerseits im Kontext aktueller familienpolitischer Maßnahmen, insbesondere der 2007 eingeführten Elternzeit, respektive Elterngeld, verortet. Andererseits steht sie im Zusammenhang mit sozialwissenschaftlichen Überlegungen zur Rolle des Vaters im Lichte gesellschaftlichen Wandels, der Elternzeit von Vätern im internationalen Vergleich sowie des gesellschaftlichen Wertewandels bzw. milieuorientierten Perspektiven. Zur Literaturrecherche wurde folgende Datenbanken herangezogen: Psyndex, GoogleScholar, Psychinfo, Pubmed, International bibliography of the social sciences, social services abstracts, sociological abstracts, ERIC, FIS Bildung Literaturdatenbank, Medline, Embase, BIOSIS und CINHAL. Der Schwerpunkt der Analyse konzentriert sich auf die frühe Kindheit und besonders auf die Monate der Elternzeit, aber auch auf die Auswirkungen der Präsenz des Vaters in der frühen Kindheit auf die langfristige Stabilität und Kontinuität der Vater-Kind-Beziehung, insbesondere auch hinsichtlich einer möglichen Trennung der Eltern. Das humanökologische Entwicklungsmodell nach Bronfenbrenner (s.u.) gibt die innere Struktur der Studie vor. Die Expertise wertet die vorhandene Forschungsliteratur aus dem In- und Ausland im Hinblick auf folgende Fragestellungen aus: Bedeutung des Vaters für die (früh-)kindliche Entwicklung (2. Kapitel) Auswirkungen von aktiver Vaterschaft für die Vater-Kind-Beziehung (3. Kapitel) Auswirkungen aktiver Vaterschaft auf den Familienzusammenhalt (4./5. Kapitel) Langfristige Wirkungen aktiver Vaterschaft nach Scheidung/Trennung (Kapitel 4.1) Seit der Elterngeldreform 2007 wird an Väter und Mütter für maximal 14 Monate Elterngeld gezahlt, beide können den Zeitraum frei untereinander aufteilen. Ein Elternteil kann dabei mindestens zwei und höchstens zwölf Monate für sich in Anspruch nehmen, zwei weitere Monate gibt es, wenn sich der Partner an der Betreuung des Kindes beteiligt und den Eltern mindestens zwei Monate Erwerbseinkommen wegfällt. Das Elterngeld umfasst 67% des durchschnittlich nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben und Werbungskosten vor der Geburt monatlich verfügbaren laufenden Erwerbseinkommens, höchstens jedoch 1.800 Euro und mindestens 300 Euro (1). Mit der Substitution des bedarfsorientierten Erziehungsgeldes durch ein einkommensabhängiges Elterngeld möchte die praktische Familienpolitik in einem ungewohnt schnellem Gesetzgebungsverfahren (2) Anreize zu einer Veränderung des Rollenverhaltens und der innerfamilialen Arbeitsteilung setzen. Sowohl die Ausgestaltung der Geldleistung als Einkommensersatzleistung als auch die Einführung der beiden Partnermonate zielen darauf ab, Väter in stärkerem Umfang als bisher zu veranlassen, Elternzeit in Anspruch zu nehmen und sich aktiv in die Vaterschaft einzubringen (3). Die Elterngeldstatistik zeigt einen stetig wachsenden Anteil an Vätern, die, wenn auch nur für kurze Zeit (4), Elterngeld in Anspruch nehmen. Nach der Studie von Vogt hat sich die durchschnittliche Dauer der Elternzeit von Vätern durch die Einführung des Elterngeldes um 0,3 Monate verringert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurde bundesweit in den ersten drei Quartalen 2010 das Elterngeld von 216.913 Eltern in Anspruch genommen, davon von 22,4%Vätern. Der Anteil der Väter hat sich kontinuierlich erhöht: Gemessen an allen, die Elterngeld bezogen haben, betrug der Väteranteil zu Beginn des Jahres 2007 erst 7,0%, steigerte sich dann bis Ende 2007 auf 10,5%, lag 2008 bei 15,6% und 2009 bereits bei 18,6% (5). Die durchschnittliche Bezugsdauer betrug insgesamt 9,8 Monate, bei den Väter 3,3 und den Müttern 11,6 Monate. Der weitaus überwiegende Teil der Väter in Elternzeit, nämlich 77,6%, nimmt lediglich die Mindestdauer von ein bis zwei Monaten in Anspruch (6). Die Höhe des Elterngeldanspruches lag im ersten Bezugsmonat durchschnittlich bei 748 Euro (1096 Euro bei Vätern, 648 Euro bei Müttern) (7). Das statistische Zahlenmaterial deutet auf einen Wandel in der Einschätzung, Bewertung und Bereitschaft zur Nutzung des Elterngeldes und damit von Elternzeit durch Väter (8,9,10,11). Die hier kurz skizzierten quantitativen Analysen geben kaum Auskunft über die durch diesen Wandel ausgelösten psychologischen Veränderungen der Vater-Kind-Beziehung, die Bindungsentwicklung und die innerfamiliären Beziehungsveränderungen insbesondere in der frühen Kindheit. Die vorliegende Literaturstudie erörtert deshalb den aktuellen Forschungsstand aus Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung und zeigt einen möglichen Forschungsbedarf auf. Vaterschaft im humanökologischen Entwicklungsmodell Prof. Dr. Gabriele Gloger-Tippelt Das humanökologische Entwicklungsmodell bildet die Grundstruktur der Studie. Die Rolle und Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung lässt sich angemessen nur auf mehreren Ebenen und unter dynamischen Gesichtspunkten beschreiben. Familien stellen soziale Systeme dar, in denen die Anforderungen an das Verhalten eines einzelnen Mitglieds nur durch die Rollen der weiteren Mitglieder und durch deren wechselseitige Beziehungen im Sinne von Teilsystemen verstanden werden können (12). Die Vaterrolle wird in der Regel im Vergleich und in Abgrenzung von der komplementären Mutterrolle und dem sozialen Wandel beider Rollen beschrieben. Diese Sichtweise liegt zahlreichen empirischen Analysen zu Grunde, die z.B. die Betreuungszeit der Kinder durch Vater und Mutter oder den Anteil von Spiel- oder Pflegeaktivitäten beider Eltern vergleichen (13,14). Die Vater-Kind-und die Mutter-Kind-Dyade sind direkt und indirekt abhängig von der Paarbeziehung der Eltern, die wiederum in komplexere Systeme der erweiterten Verwandtschaft, Nachbarschaft, Kommune oder in die Arbeitswelt eingebettet sind. Eine dynamische Sichtweise von Vaterschaft ist aus zwei Gründen gefordert: Erstens verändert sich die Vater-Kind-Beziehung durch die körperlichen, motorischen, kognitiven und sozialen Entwicklungsfortschritte des einzelnen Kindes ebenso wie durch die Lebenserfahrung und Entwicklung des Vaters. Zweitens unterliegen Erwartungen an die Vater- und Mutterrolle historischzeitgeschichtlichen Veränderungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine Einbettung des väterlichen Verhaltens in mehrere Umweltsysteme in einer dynamischen Betrachtung leistet das humanökologische Entwicklungsmodell, das auf Bronfenbrenner (15) zurückgeht. Es ist in besonderer Weise geeignet, Entwicklung und Veränderung von Individuen mit ihrem Repertoire an Fähigkeiten darzustellen, die sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen und sie selbst gestalten. Das humanökologische Modell wird in dieser Expertise vor allem für das Mikrosystem der Familie ausgearbeitet (16). Die weiteren Systemebenen sind jedoch in Kapitel 4 und 5 mit berücksichtigt. Die Familie mit einem typischen Muster an Tätigkeiten, Rollen und unmittelbaren aktuellen Beziehungen des Vaters zur Partnerin/Ehefrau und den Kindern (Töchtern, Söhnen) stellt ein Mikrosystem dar, innerhalb dessen drei verschiedene dyadische Teilsysteme zu unterscheiden sind, die Vater-Kind-Beziehung, die Mutter-Kind-Beziehung und die Paarbeziehung der Eltern. Da der Fokus auf Vätern liegt, werden Geschwisterbeziehungen hier vernachlässigt. Die Tätigkeiten des Vaters werden schwerpunktmäßig für traditionelle Zweielternfamilien ausgeführt, gelten aber auch für nicht-traditionelle Familienformen (13) wie Patchworkfamilien nach einer Wiederverheiratung oder Einelternfamilien (je nach Sorge- und Umgangsrecht). Als nächste Kontextebene wird in dem Modell ein Mesosystem des Vaters eingeführt, das die Wechselbeziehungen derjenigen Mikrosysteme umfasst, an denen der Vater selbst aktiv beteiligt ist. Beispielsweise ist der Vater in der Regel am Familiensystem und am System der Arbeitswelt direkt beteiligt, er verbindet in seinem Handeln die Erwartungen aus beiden Mikrosystemen. Zwei weitere Umweltsysteme für die Vaterrolle werden unterschieden: das so genannte Exosystem betrifft Ereignisse in umliegenden Mikrosystemen, die das Leben des Vaters indirekt beeinflussen, wie die Lebensbereiche, in denen seine Kinder oder seine Partnerin aktiv mitwirken, er selbst aber nicht. Anschaulich wird die Bedeutung von Exosystemen bei Ereignissen im Schuloder Bildungssystem der Kinder oder der Arbeitsumwelt der Frau/Partnerin (Arbeitszeiten oder -bedingungen). Analoge Exosysteme existieren für die Kinder. Beispielsweise kann die Arbeitswelt des Vaters, an der sie nicht teilhaben, Auswirkungen und Folgen für die kindliche Entwicklung haben, wenn der Vater Leistungsdruck, Unsicherheit des Arbeitsplatzes oder Mobbing erfährt. Schließlich ist ein Makrosystem von Bedeutung, das den gesellschaftlichen, kulturellen oder subkulturellen (Milieu), rechtlichen oder politischen Rahmen der Ausübung von Vaterschaft bildet. Alle vier Systemebenen bewegen und verändern sich in einem Chronosystem der Zeit, das die biographische Lebenszeit von Vater und Kind unterteilt und historische Zeiten kennzeichnet. Von besonderem Interesse für Veränderungen auch in Zeiten verstärkter Herausforderungen oder Krisen sind biographische Übergänge im Lebenslauf der Väter. Übergänge können normativer Art sein (Altersnormierung), wie die Geburt des ersten Kindes, der Übergang von der Ausbildung in den Beruf und der Eintritt in den Ruhestand, oder nicht-normativer Art, wie individuell erlebte Zeiten der Arbeitslosigkeit, vorzeitiger Ruhestand, Trennung und Scheidung, Krankheiten, Unfälle und ähnliche belastende Lebensereignisse. Die folgende Abbildung 1 veranschaulicht die vier ineinander eingebetteten Umweltsysteme des Vaters als Mikro-, Meso- und Exosystem im Makrosystem der Gesellschaft ...

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