Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden

Verbreitung und Muster von Hirndoping und Medikamentenmissbrauch...

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Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden Neuro-Enhancement, Hirndoping und leistungsbezogener Substanzkonsum: Bekanntheit und Verbreitung leistungsbezogenen Substanzkonsums. Bekanntheit leistungsbezogenen Substanzkonsums. Verbreitung leistungsbezogenen Substanzkonsums und angewendete Substanzen - Konsumtyp. Schätzung der Prävalenz mittels Randomized Response Technique. Studierende mit leistungsbezogenem Substanzkonsum. Erscheinungsformen leistungsbezogenen Substanzkonsums. Substanzkonsum in der Freizeit. Stress, Leistungsdruck und Substanzkonsum. Stresswahrnehmung und Substanzkonsum. Aktuelle Stresswahrnehmung. Schwierigkeiten im Studium. Lebenszufriedenheit und Substanzkonsum. Einflussfaktoren leistungsbezogenen Substanzkonsums - Regressionsanalytische Betrachtung. Hirndoping Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Deutsche Zentrum für Hochschulund Wissenschaftsforschung Studierende an Universitäten und Fachhochschulen zum zweiten Mal zu Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung befragt. Die erste Erhebung zu diesem Thema fand im Wintersemester 2010/11 statt. Die Wiederholungbefragung fand vier Jahre später, im Wintersemester 2014/15 statt. Sie erfolgte erneut als Online-Survey des HISBUS-Panels von November 2014 bis Januar 2015. An ihr beteiligten sich 29% der eingeladenen Studierenden (Brutto-Rücklaufquote). Die im vorliegenden Projektbericht dargestellten Befunde beruhen auf den Angaben von ca. 6.700 Studierenden (bereinigter Rücklauf ), die verwertbare Angaben zum Kernthema des Projektes - Stresskompensation und Leistungssteigerung in Form von Hirndoping - gemacht haben. Begriffsbestimmung Im Rahmen der vorliegenden Studie wird leistungsbezogener Substanzkonsum anhand der Aussagen der Studierenden, dass sie seit Beginn des Studiums schon einmal Substanzen eingenommen haben, die ihnen die Bewältigung studienbezogener Anforderungen erleichtert haben, als Studienzeitprävalenz festgestellt. Je nach Art der konsumierten Substanz(en) wird zwischen ''Hirndopenden'' und ''Soft-Enhancenden'' unterschieden. Dem ''Hirndoping'' wird die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente sowie illegaler Drogen zugeordnet. Illegale Drogen werden einbezogen, wenn ihre Einnahme in Zusammenhang mit der Bewältigung von Studienanforderungen erfolgte. Soft-Enhancende nehmen aus dem gleichen Motiv Substanzen, die frei verkäuflich bzw. nicht rezeptpflichtig sind (Koffeintabletten, Energy Drinks, Vitaminpräparate, Schlaf- oder Beruhigungsmittel, Schmerzmittel, homöopathische bzw. pflanzliche Substanzen). Der Konsum von Kaffee und Tee wird nicht zum ''Soft-Enhancement'' gerechnet. Bekanntheit und Verbreitung von leistungsbezogenem Substanzkonsum Die Mehrheit der Studierenden (86%) hat bereits davon gehört, dass Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung eingenommen werden. Fast ein Drittel (31%) kennt jemanden, der schon einmal Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung eingenommen hat. Diese Quoten haben sich im Vergleich zur ersten Befragung 2010 kaum verändert. Von den Studierenden selbst haben 14% schon mal Substanzen eingenommen mit dem Ziel, sich die Bewältigung der studienbezogenen Anforderungen zu erleichtern (Studienzeitprävalenz). Ein Sechstel hat hierin keine Erfahrungen, kann sich aber vorstellen, dies zu tun. Für die große Mehrheit (71%) kommt Gleiches nicht infrage. Im Vergleich zu den Befunden vier Jahre zuvor ist die Studienzeitprävalenz um zwei Prozentpunkte gestiegen, was v. a. auf den Anstieg derer zurückgeht, die ''nur ganz selten'' versucht haben, sich die Anforderungsbewältigung mit Substanzen zu erleichtern. Substanzen des leistungsbezogenen Substanzkonsums Je nach verwendeten Substanz(en) gehören 6% der Befragten zu den Hirndopenden und 8% zu den Soft-Enhancenden. Der Anteil Hirndopender hat sich seit 2010 um lediglich einen Prozentpunkt erhöht (2010: 5% Hirndopende). Mit einem Zuwachs von drei Prozentpunkten ist das SoftEnhancement unter Studierenden stärker angestiegen (2010: 5%). Studentinnen gehören genauso häufig wie Studenten zu den Hirndopenden (je 6%). SoftEnhancement hingegen ist unter den Studentinnen häufiger als unter den Studenten zu beobachten (10% vs. 6%). Zum Hirndoping werden am häufigsten verschreibungspflichtige Schlaf- bzw. Beruhigungsmittel verwendet (31%). Ebenfalls recht verbreitet ist der Einsatz von Cannabis (29%) und von Antidepressiva (27%). Ein Fünftel der Hirndopenden greift zu Methylphenidat (21%) und/oder zu verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln (20%). Illegale Drogen wie Kokain, Ecstasy oder Methamphetamine spielen beim leistungsbezogenen Substanzkonsum eine vergleichsweise geringe Rolle (2% bzw. 1%). Die Einnahmefrequenz ist beim Hirndoping höher als beim Soft-Enhancement. Von den SoftEnhancenden sagen fast drei Viertel, dass sie ''nur ganz selten'' Substanzen einnehmen. Nur jede(r) zweite Hirndopende gibt dieselbe Einschätzung an (50%). Ein Drittel der Hirndopenden (33%) greift ''ab und zu'' und mehr als ein Sechstel (17%) sogar ''häufig'' leistungsbezogen zu Substanzen. Sozio-demographische und Persönlichkeitsmerkmale der Konsument(inn)en Alter: Hirndopende sind im Durchschnitt anderthalb Jahre älter als ihre Kommiliton(inn)en ohne leistungsbezogenen Substanzkonsum (26,8 Jahre vs. 25,2 Jahre). Dieser Unterschied trifft auf hirndopende Frauen bzw. Männer im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenoss(inn)en gleichermaßen zu. Diese Disparität beruht darauf, dass mit dem Alter der Studierenden der Anteil derer steigt, die Substanzen einsetzen, um die Studienanforderungen besser zu bewältigen. Beispielsweise gehören in der Altersgruppe der bis zu 21-Jährigen 2% zu den Hirndopenden. Diese Quote erhöht sich sukzessive bis auf 11% unter Studierenden ab einem Alter von 30 Jahren. Beim Soft-Enhancement verläuft die altersabhängige Progression weniger dynamisch von 6% in der jüngsten Altersgruppe auf 8% in der Altersgruppe ab 30 Jahren. Der Zusammenhang zwischen Alter und leistungsbezogenem Substanzkonsum stellt sich auch deshalb her, weil mit der vorliegenden Untersuchung die Studienzeitprävalenz erfasst wird und mit der Studiendauer - und also auch steigendem Alter der Studierenden - das Gelegenheitsfenster größer wird, schon mal aus Leistungsgründen zu Substanzen gegriffen zu haben. Bildungsherkunft: Hirndopende haben häufiger als andere Studierende einen nicht-akademischen Bildungshintergrund (54% vs. 45% Soft-Enhancende bzw. 46% Nicht-Anwendende). Dieser Unterschied zeigt sich bei den Männern besonders deutlich: 60% der hirndopenden Studenten haben ein nicht akademisches Elternhaus im Vergleich zu 48% bei den soft-enhancenden bzw. 47% der nicht-anwendenden Männer. Familienstand: Mit dem Alter in engem Zusammenhang stehen Partnerschaftsstatus und Elternschaft der Studierenden. Das höhere Durchschnittsalter der Hirndopenden erklärt auch, warum anteilig relativ viele von ihnen bereits verheiratet oder verpartnert sind (11% vs. 8% Soft-Enhancende bzw. 7% Nicht-Anwendende) bzw. (ein) Kind(er) haben (8% vs. 3% Soft-Enhancende bzw. 6% Nicht-Anwendende). Persönlichkeitsdimensionen: Leistungsbezogener Substanzkonsum steht in Zusammenhang mit Persönlichkeitsdimensionen, wie die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen mittels der ''Big Five'' belegt: Für die Dimensionen ''Verträglichkeit'', ''Gewissenhaftigkeit'' und ''Neurotizismus'' konnten hoch signifikante Korrelationen nachgewiesen werden. Aus der Erstbefragung bekannte Zusammenhänge, dass Hirndopende weniger gewissenhaft sind als andere Studierende und dass sie höhere Neurotizismuswerte aufweisen als ihre Kommiliton(inn)en, haben sich bestätigt. Auch die Besonderheiten der Soft-Enhancenden - überdurchschnittlich hohe Werte sowohl bei '' Gewissenhaftigkeit'' als auch beim ''Neurotizismus'' - konnten repliziert werden. Neu hingegen ist die Erkenntnis, dass Studierende mit leistungsbezogenem Substanzkonsum, und unter ihnen insbesondere die Hirndopenden, signifikant weniger verträglich sind als Nicht-Anwendende. Studienmerkmale und leistungsbezogener Substanzkonsum Studienfach: Von den Studierenden der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften greift ein überdurchschnittlich hoher Anteil zu substanzbasierten Hilfen bei der Bewältigung der Studienanforderungen (7% Hirndopende, 9% Soft-Enhancende). Am anderen Ende der Skala sind Studierende der Ingenieurwissenschaften, von denen lediglich 3% dem Hirndoping zugeordnet wurden. Runtergebrochen auf einzelne Studienfächer wiederholt sich der (jeweils auf geringen Fallzahlen beruhende) Befund, dass sich unter Studierenden der Veterinärmedizin hohe Quoten Hirndopender finden (23%). Studierende des Wirtschaftsingenieurwesens weisen ebenfalls eine überdurchschnittlich hohe Hirndoping-Quote auf (16%). Hingegen konnte der in der Erstbefragung 2010 festgestellte relativ hohe Hirndopinganteil (14%) unter den Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern für die in 2014 Befragten nicht bestätigt werden (6%). Abschlussart: Im Vergleich nach Abschlussart fallen in Bezug auf den leistungsbezogenen Substanzkonsum Studierende auf, die in traditionellen Diplom- oder Magister-Studiengängen immatrikuliert sind: Von ihnen gehören mit 12% doppelt so viele wie durchschnittlich zu den Hirndopenden. Ihr höheres Alter, längere Studienzeiten und u. U. Studienabschlussprobleme zählen zum Ursachengefüge für diese hohe Quote. Das Gegenbeispiel sind Studierende in Studiengängen, die mit einem Staatsexamen abschließen (nicht Lehramt). Sie weisen einen vergleichsweise geringen Anteil an Hirndopenden auf (3%). Hochschulsemester: Parallel zur altersabhängigen Entwicklung steigt auch mit der Semesterzahl die Quote derer, die die Studienanforderungen mit Unterstützung von Substanzen zu bewältigen sucht: Bis zum 4. Hochschulsemester beträgt sie 4% und steigt bis zum 13. Hochschulsemester auf 9%. Dieser Verlauf ist an Fachhochschulen wesentlich deutlicher zu beobachten als an Universitäten (Anstieg von 4% auf 16% vs. an Universitäten von 3% auf 8%). Motive und Anwendungssituationen für leistungsbezogenen Substanzkonsum Hinter dem globalen Ziel, mit der Substanzeinnahme die Studienanforderungen besser bewältigen zu können, stehen verschiedene konkrete Einzelmotive. In der Summe betrachtet unterstreichen die konkreten Ziele den Befund der Erstbefragung, dass nicht das Erreichen von (individuellen) Ausnahmeleistungen im Vordergrund der Substanzanwendung steht, sondern der Leistungserhalt, die Sicherstellung der Fähigkeit, überhaupt eine (individuell '' normale'') Leistung erbringen zu können. Am häufigsten wird Hirndoping eingesetzt, ''um (ein)schlafen zu können'' (51%), ''Nervosität/ Lampenfieber'' zu bekämpfen (42%) bzw. ''um wach zu bleiben'' (34%). Gesundheitliche Gründe und Schmerzbekämpfung spielen ebenfalls eine recht große Rolle (je 27%). Lediglich ein knappes Viertel (24%) der Hirndopenden erwähnt explizit, dass die geistige Leistungssteigerung das Ziel der Substanzanwendung ist. Stofffülle (23%), Termin- (20%), Leistungs- und Konkurrenzdruck (22%) sind weitere Motive, die hinter dem Griff nach Substanzen stehen. Beim Soft-Enhancement spielen ebenfalls (Ein)Schlafprobleme, Nervosität/Lampenfieber die wichtigste Rolle im Motivkanon. Innerhalb beider Gruppen mit leistungsbezogenem Substanzkonsum werden diese Motive von den Frauen im Vergleich zu den Männern signifikant häufiger genannt. Im Vergleich der Motive beider Gruppen für leistungsbezogenen Substanzkonsum fällt auf, dass sowohl Hirndopende als auch Soft-Enhancende Gründe nennen, die dem Erhalt der Leistungsfähigkeit dienen. Hirndopende geben jedoch darüber hinaus häufiger zusätzlich an, dass mit der Einnahme (auch) eine Erhöhung der Leistung angezielt wird. Die studienbezogene Substanzeinnahme findet am häufigsten in Zusammenhang mit der Vorbereitung von Prüfungen statt (Hirndopende: 50%, Soft-Enhancende: 58%). Genereller Stress ist bei Hirndopenden häufiger der Anlass als bei Soft-Enhancenden (54% vs. 38%). Umgekehrt greifen Soft-Enhancende häufiger als Hirndopende in Prüfungssituationen zu Substanzen (50% vs. 36%). Zwischen den Motiven der Substanzeinnahme und den Situationen, in denen Substanzen angewendet werden, besteht ein enger Zusammenhang: Die Erhöhung der Leistungsfähigkeit wird vor allem in der Phase der Prüfungsvorbereitung zu erreichen versucht. Bei generellem Stress oder in der Prüfungssituation selbst geht es in erster Linie um den Erhalt der Fähigkeit, überhaupt eine (akzeptable) Leistung zu erbringen. Substanzkonsum in der Freizeit: Alkohol und Nikotin Alkohol und Nikotin sind auch unter Studierenden recht verbreitete Drogen, deren (vermehrte) Anwendung ebenfalls in Zusammenhang mit Stress und Leistungsdruck stehen kann. In der vorliegenden Studie wurde dieser Anwendungszusammenhang bei der Erhebung der Daten jedoch nicht explizit hergestellt. Alkohol: Von den Studierenden gibt lediglich jede(r) achte an, nie Alkohol zu trinken (12%). Fast zwei Fünftel (37%) hingegen trinken ''häufig'' (1-mal pro Woche bis täglich). Diese Quote ist unter Männern signifikant höher als unter Frauen (42% vs. 31%). Von den Hirndopenden zählt anteilig jeder zweite zu den ''häufig'' trinkenden (50% vs. 30% Soft-Enhancenden bzw. 36% Nicht-Anwendende). Abgeleitet von Aussagen zu ihrem Alkoholkonsum wurden Studierende identifiziert, die ein Alkoholproblem haben, das heißt, sie glauben nicht, jederzeit auf alkoholische Getränke verzichten zu können, und/oder neigen dazu, bei Stress im Studium mehr Alkohol zu trinken. Zu diesen Studierenden gehören ein Sechstel (16%) der Nicht-Anwendenden, mehr als ein Fünftel (22%) der Soft-Enhancenden und mit fast einem Drittel (32%) überdurchschnittlich viele der Hirndopenden. Nikotin: Drei Viertel der Studierenden raucht nicht, die meisten von ihnen haben nie geraucht. Hirndopende weisen die geringste Quote an Nichtraucher(inne)n auf (53%), Nicht-Anwendende die höchste (77%, Soft-Enhancende: 73%). Raucher(innen) haben häufiger Alkoholprobleme als Nichtraucher(innen), unter Hirndopenden ist diese Problemkombination besonders häufig. Cannabis: Cannabis, die in Deutschland wohl am weitesten verbreitete illegale Droge, wird auch von Studierenden vergleichsweise häufig verwendet: Etwa jede(r) sechste (17%) gibt an, Haschisch oder Marihuana zu konsumieren. Der Großteil der Studierenden verwendet Cannabisprodukte allerdings weniger als einmal pro Monat (12%), so dass hierunter einmalige Erfahrungen bis hin zu unregelmäßigem Gelegenheitskonsum erfasst sein können. Mindestens wöchentlicher Gebrauch von Cannabis kommt bei 2% der Studierenden vor. Zuzüglich derer, die ein- bis dreimal pro Monat kiffen, ergibt sich eine 30-Tage-Prävalenz von 5%. Da Cannabisprodukte zumeist geraucht werden, besteht ein deutlicher Zusammenhang zum Rauchen. Auch beim Cannabiskonsum bestätigt sich analog zu Alkohol und Rauchen ein starker Zusammenhang mit leistungsbezogenem Substanzkonsum, der sich wiederum auf die Hirndopenden konzentriert. Fast zwei Fünftel der Hirndopenden konsumieren Haschisch oder Marihuana (39%), jede(r) achte sogar ein- oder mehrmals pro Woche (13%). Sowohl Nicht-Anwendende als auch Soft-Enhancende verwenden Cannabisprodukte demgegenüber signifikant seltener (16% bzw. 15%). Wöchentlicher Cannabiskonsum ist bei ihnen lediglich in geringem Maße verbreitet (Nicht-Anwendende: 2%, Soft-Enhancende: 1%). Stress im Studium und leistungsbezogener Substanzkonsum Gemäß der zentralen Fragestellung der vorliegenden Studie wurde untersucht, inwieweit der Konsum von Substanzen zur (besseren) Bewältigung der Studienanforderungen mit der Wahrnehmung der Studierenden korreliert, dass diese Anforderungen und ggf. die weiterer Lebensbereiche belastend bzw. stressverursachend seien. Die Befunde zeigen eindrücklich, dass Nicht-Anwendende sich anteilig relativ selten gestresst fühlen, während sich Hirndopende am häufigsten als (sehr) oft ''nervös und gestresst'' beschreiben (52% vs. 74%). Die große Mehrheit (71%) der Hirndopenden fühlte sich in den letzten vier Wochen (sehr) stark durch das Studium belastet oder gestresst. Dahinter liegen Schwierigkeiten mit einer Reihe von Anforderungen, wie z.B. Wissenslücken aufzuarbeiten (55%), den Stoffumfang zu bewältigen (48%), die Prüfungen effizient vorzubereiten (48%), schriftliche Arbeiten anzufertigen (43%) oder den Leistungsanforderungen im Fachstudium (38%) gerecht zu werden. Darüber hinaus haben Hirndopende überdurchschnittlich oft auch Schwierigkeiten mit der Studienfinanzierung (47%) und mit der Begeisterung für ihr Fachgebiet (28%). Sie sind anteilig seltener gut ins Studium integriert und haben häufiger Probleme mit der Findung von Kontakten zu Mitstudierenden und Lehrenden. Hirndopende beschreiben seltener als Nicht-Anwendende oder Soft-Enhancende die Atmosphäre zwischen den Studierenden als gut (57% vs. 71% bzw. 68%), sie orientieren sich stärker als diese an sozialen Kontakten außerhalb des Hochschulbereichs (45% vs. 40% bzw. 41%). Auch bei den Formen, mit denen Studierende versuchen, Leistungsdruck auszugleichen, nennen Hirndopende im Vergleich zu Soft-Enhancenden und Nicht-Anwendenden häufiger tendenziell gesundheitsgefährdende Wege, wie Alkohol trinken (35% vs. 17% Nicht-Anwendende bzw. 19% Soft-Enhancende), Rauchen (32% vs. 11% Nicht-Anwendende bzw. 12% Soft-Enhancende), Schmerzmittel (16% vs. 3% bzw. 9%) oder Substanzen zur Beruhigung (20% vs. 1% bzw. 8%) oder zur Leistungssteigerung (16% vs. 1% bzw. 4%) einnehmen. Lebenszufriedenheit und Substanzkonsum Mit der Bitte, ihre Lebenssituation insgesamt einzuschätzen, wurden die Studierenden gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind (Satisfaction with Life Scale). Während drei Viertel (76%) der Nicht-Anwendenden mehr oder weniger stark zufrieden mit ihrem Leben sind und auch mehr als zwei Drittel der Soft-Enhancenden (68%) ein übereinstimmendes Urteil abgeben, trifft gleiches auf weniger als jede(n) zweiten Hirndopenden zu (47%). Umgekehrt betrachtet heißt das, dass mehr als die Hälfte der Hirndopenden unzufrieden mit ihrem Leben ist - das sind im Vergleich zu den Nicht-Anwendenden anteilig mehr als doppelt so viele (24%) und deutlich mehr als unter den Soft-Enhancenden (32%). Integriertes Modell zu den Einflussfaktoren für leistungsbezogenen Substanzkonsum In multivarianten Analysen konnte gezeigt werden, dass im Gesamtzusammenhang der betrachteten Merkmale vor allem eine geringe Lebenszufriedenheit und ein hohes Stressempfinden ausschlaggebend dafür sind, dass Studierende ihre Leistungsfähigkeit durch verschreibungspflichtige Medikamente und/oder illegale Drogen zu beeinflussen versuchen. Aus diesem Grund sind vor allem Studierende gefährdet, die aufgrund ihrer Persönlichkeit besonders sensibel auf Stress reagieren. Entscheidend ist allerdings das tatsächlich empfundene Stressniveau, weshalb auch stressresistentere Studierende ein höheres Risiko für Hirndoping haben, wenn sie entsprechenden Belastungen ausgesetzt sind. Darüber hinaus stellt (nicht leistungsbezogener) Cannabiskonsum einen Risikofaktor für Hirndoping dar. Demgegenüber ist Soft-Enhancement stärker von Persönlichkeitsmerkmalen wie starkem Neurotizismus, Extraversion und geringer Verträglichkeit abhängig und weniger vom akuten Stressempfinden oder der Lebenszufriedenheit. Diese Merkmale sind - zumindest teilweise - häufiger bei Frauen zu finden. Das Soft-Enhancement kann durch die multivariaten Modelle deutlich schlechter erklärt werden als das Hirndoping, so dass eine weitere Erforschung des Phänomens nötig erscheint. Da beide hier betrachteten Konsumtypen Substanzen nehmen, um studienbezogene Anforderungen zu bewältigen, wurde abschließend der Frage nachgegangen, warum die einen hierfür zu verschreibungspflichtigen Medikamenten und/oder illegalen Drogen greifen (Hirndoping) während die anderen ausschließlich frei erhältliche Substanzen (Soft-Enhancement) wählen. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Gründe für die Einnahme leistungssteigernder Mittel einen Einfluss darauf haben, welche Art von Substanzen verwendet wird. Studierende, die Substanzen zur Schmerzbekämpfung, aus gesundheitlichen Gründen oder aus Neugier nehmen, oder um den Zeitaufwand zum Lernen gering zu halten, haben eine deutlich höhere Neigung zum Hirndoping als andere Studierende mit leistungsbezogenem Substanzkonsum. Das Bundesgesundheitsministerium hat das HIS-Institut für Hochschulforschung (HIS-HF) - die Vorgängerinstitution des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) 2010 mit einer Datenerhebung zu Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung unter Studierenden beauftragt. Auf der Grundlage einer Online-Befragung des HISBUS-Panels wurden 2012 erstmals bundesweit repräsentative Befunde zur Bedeutung und Verbreitung der Einnahme von leistungssteigernden und stimmungsaufhellenden Mitteln unter Studierenden vorgelegt (s. Kap. 1.2, Middendorff, Poskowsky, und Isserstedt, 2012). Dieser Projektbericht sowie diverse Aufsätze und Vorträge zum Thema, die auf den Befunden der HISBUS-Befragung basierten1, fanden große Beachtung und weite Verbreitung unter Expert(inn)en aus den Bereichen Medizin, Psychotherapie, Studien- und Sozialberatung. Mit den Befunden setzten sich vielfältige Akteure im Bereich der Hochschulen sowie Studierende und ihre Eltern auseinander. Anlass für diese erste HISBUS-Befragung zum Thema waren sich häufende Berichte in den Medien, die eine (vermeintlich) wachsende Verbreitung der Einnahme von leistungssteigernden bzw. stimmungsaufhellenden Mitteln unter Studierenden beschrieben. Zu den wesentlichen Ursachen für diese behauptete Entwicklung wurden ein Anstieg des Leistungsdrucks und zunehmende Prüfungsdichte in den gestuften Studiengängen gezählt. Mit diesen erstmalig ermittelten Befunden konnte die Frage, ob die festgestellten Prävalenzraten auf die Einführung der gestuften Studienstruktur zurückzuführen sind oder nicht, nicht beantwortet werden. Dafür hätte es einer Art ''Nullmessung'' vor Einführung der Bachelor-/Master-Struktur bedurft. Diese einmalige Momentaufnahme ließ ebenfalls offen, ob die Quote derer, die Neuro-Enhancement betreiben, über die Zeit stabil oder veränderlich ist und ob Veränderungen im Spektrum der verwendeten Substanzen zu beobachten sind. Um diese Fragen zu beantworten, hat das Bundesgesundheitsministerium das DZHW vier Jahre später mit einer Wiederholungsbefragung beauftragt, die im November 2014 als zweite Befragung des HISBUS-Panels zu diesem Thema durchgeführt wurde (s. Kap. 1.3.3). Das Hauptziel dieser zweiten HISBUS-Erhebung zum Thema besteht darin, die Entwicklung der Prävalenzrate zu beobachten. Zur methodischen Absicherung des Zeitvergleichs wurden die Rahmenbedingungen der Untersuchung (Erhebungsmodus, befragte Zielgruppe) und zentrale Elemente des Erhebungsinstruments weitgehend konstant gehalten. Auf der Grundlage der Erfahrungen der Erstbefragung wurden Veränderungen des Erhebungskatalogs vorgenommen mit dem Ziel, vorhandene Erkenntnisse zum Substanzkonsum zu präzisieren. Dazu gehören z.B. Erweiterungen oder Umformulierungen von Antwortvorgaben. Ein Teil der Forschungen zum Neuro-Enhancement berichten Prävalenzraten (Dietz et al., 2013), die deutlich über den HISBUS-Quoten liegen (vgl. Kap. 1.2). Sie beruhen auf einer Erhebungsmethode, mit der den Befragten eine höhere Anonymität zugesichert wird. Um zu überprüfen, ob das Dunkelfeld des Tabuthemas ''Hirndoping'' mit einer stärker anonymisierten Befragungsmethode (Randomised Response Technique) auch unter Studierenden besser erhellt werden kann, wurde eine Unterstichprobe mit dieser Methode befragt (vgl. Kap. 1.3.1). Die Einnahme leistungsbeeinflussender Substanzen beruht auf einem komplexen Bedingungsgefüge aus individuellen Merkmale und Motiven, aus Rahmenbedingungen und Gelegenheitsstrukturen. Um weitere Elemente dieses Bedingungsgefüges zu identifizieren, wurden neue Instrumente in das Survey aufgenommen. Dabei wurde auf etablierte Instrumente zur Erfassung von Stress zurückgegriffen, wie z.B. die Perceived Stress Scale (PSS) (Cohen, Kamarck, und Mermelstein, 1983, Ortenburger, 2013), oder zur Identifikation von Lebensbereichen, die mit belastenden Situationen oder Stress verbunden sind (Ortenburger, 2013). Ebenfalls aufgenommen wurde ein Instrument zur Messung der akademischen und sozialen Integration - als wesentlicher Faktor für den Studienerfolg. Aus dem Studienqualitätsmonitor des DZHW wurde eine Frage zu Schwierigkeiten im Studium übernommen, um den Zusammenhang zwischen bestehenden Problemen und der Einnahme von Substanzen zur besseren Anforderungsbewältigung aufzuzeigen. Den Blick über Hochschule und Studium als Bedingungsfaktoren für Neuroenhancement hinaus lenkend wurde die allgemeine Lebenszufriedenheit der Studierenden anhand der etablierten Satisfaction With Life Scale (SWLS) (Diener, Emmons, Larsen, und Griffin, 1985) erhoben. Mit der beschriebenen Kontinuität, Modifikation und Erweiterung des Fragenkatalogs ist die Wiederholungsbefragung zu Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden ein Beitrag zum Monitoring des gesundheitsbezogenen Verhaltens von Studierenden und bietet zahlreiche und wichtige Hinweis für die zielgruppenspezifische Prävention an Hochschulen. Die Diskussion um sogenanntes ''Neuroenhancement'' wurde zu einem wesentlichen Teil durch die Veröffentlichung der Ergebnisse einer nicht repräsentativen Umfrage unter Leser(inne)n der Zeitschrift Nature ins Rollen gebracht (Maher, 2008). Dort gab ein Fünftel der Befragten an, schon einmal Methylphenidat, Modafinil oder Beta-Blocker mit dem Ziel genommen zu haben, die Aufmerksamkeit und die Konzentration zu steigern oder die Gedächtnisleistung zu verbessern. Der Bericht von Maher war dabei keinesfalls die erste, sicherlich aber die bis dato aufsehenerregendste Erhebung zum Thema. Bereits in den Jahren zuvor wurden mehrere Studien veröffentlicht, die vor dem Hintergrund steigender Verordnungszahlen für Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) wie Methylphenidat und andere Stimulanzien einen Missbrauch dieser Medikamente vermuten (Low und Gendaszek, 2002, McCabe, Knight, Teter, und Wechsler, 2005, Novak, Kroutil, Williams, und Van Brunt, David L, 2007, Teter, McCabe, Boyd, und Guthrie, 2003). Während Low and Gendaszek (2002) auf der Grundlage eines kleinen convenience samples2 Studierender für den nicht-medizinischen Gebrauch von Stimulanzien eine 12-Monats-Prävalenz von fast 36% ermitteln, weisen Studien, die auf deutlich größeren Samples mit randomisierter Stichprobenziehung beruhen, deutlich geringere Prävalenzen für Studierende aus (12-MonatsPrävalenz: 3% bis 6%, Lebenszeitprävalenz: 7% bis 8%) (McCabe et al., 2005, Teter et al., 2003, Teter, McCabe, LaGrange, Cranford, und Boyd, 2006). Der Stimulanzienmissbrauch in der erwachsenen Gesamtbevölkerung der USA ist damit vergleichbar (Novak et al., 2007): Insgesamt haben 7% der erwachsenen Bevölkerung schon einmal Stimulanzien jenseits ärztlicher Verschreibung eingenommen, innerhalb des letzten Jahres 2%. Unter den 18-25-Jährigen kommen Novak et al. mit 4% jedoch auf eine höhere 12-Monatsprävalenz als unter den 26-49-Jährigen. Die bisher genannten Studien unterscheiden allerdings nicht danach, ob ADHS-Medikamente bzw. Stimulanzien mit dem Ziel einer geistigen Leistungssteigerung eingenommen werden ...

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